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IV.

Irrwege des Sozialismus

Die Revolution als Verblendungszusammenhang
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Im Konzept der funktionalen Demokratie findet sich nicht nur eine Erweiterung des republikanischen Gedankens. Mit eben dieser wird der Republikanismus gar in die Lage versetzt, als Scharnier zwischen Liberalismus und Sozialismus zu fungieren. Tatsächlich hatte der frühe Republikanismus zunächst sogar noch mehr an einer eindimensionalen Demokratievorstellung gekrankt, als es jene beiden Ideologien bis heute tun. Denn das Soziale und das Politische verwob er in einer Weise, die nicht nur die Gleichheit, sondern auch die Freiheit unterminierte. Bürger im republikanischen Sinne war nämlich nur, wer die wirtschaftlichen Voraussetzungen hatte. Nur, wer auch sozial sein eigener Herr war, 1 konnte den Bürgerstatus – etwa über das Zensuswahlrecht – geltend machen. 2 Diese vormoderne, ja anti-universalistische Konzeption von Gesellschaft machte den Republikanismus recht schnell unattraktiv. 3 Dagegen stand der Liberalismus zumindest für ein universalistisches Prinzip im Politischen, das durch eine modernere Funktionsteilung von Gesellschaft ermöglicht wurde. Anders als der Republikanismus verortete er das Ökonomische nicht innerhalb der Stadtmauern, 4 sondern transzendierte solch territoriale Ordnungsvorstellungen durch die Elaboration einer wirtschaftlichen Sphäre. Es ist diese Trennung von Politischem und Ökonomischen, die Karl Polanyi Karl Polanyi
Jemand, der das Pferd vom Flur schieben wollte
als konstituierendes Element des modernen Kapitalismus herausarbeitete. 5

»Hatten sich die Mitglieder der Ersten Internationale noch als ›Bürger‹ angesprochen, behauptete sich spätestens mit der Pariser Kommune die Vorstellung, dass das Proletariat zur Aufhebung der Bürgerlichkeit, ja der politischen Sphäre schlechthin bestimmt sei.«

Insofern finden sich auch im Liberalismus Ansätze eines Denkens in Sphären. Jedoch blieb darin die Demokratie dem Politischen vorbehalten, bildete das Soziale also seine eigenen, feudalen Ordnungen. Gegen diese Limitierung der aufklärerischen Versprechen hatte sich der Sozialismus von Anfang an gewendet. 6 Denn die Arbeiter konnten so zwar als rechtlich frei gelten, waren aber zugleich schutzlos gegenüber den entfesselten Marktkräften. 7 Fatalerweise reagierte der sozialistische Mainstream des 19. Jahrhunderts darauf mit einer neuen Engführung: Man erklärte kurzerhand die wirtschaftliche Sphäre zur Mutter aller Ordnung. Ausgehend vom saint-simonistischen Wahlspruch, wonach die »Verwaltung der Dinge« an die Stelle des Regierens treten sollte, 8 setzte sich dabei zunehmend die Vorstellung durch, dass die Politik im Wirtschaftsbetrieb aufgehen würde. 9 Mehr noch: Sie entwickelte sich zu einem regelrechten Heilsversprechen des Sozialismus, das sich schon fast antithetisch zum republikanischen Erbe der frühen Arbeiterbewegung Frühe Arbeiterbewegung
Ein Diskurszusammenhang, dessen Ideen zermatscht wurden
verhielt. Hatten sich die Mitglieder der Ersten Internationale noch als »Bürger« angesprochen, 10 behauptete sich spätestens mit der Pariser Kommune die Vorstellung, dass das Proletariat – an sich und für sich – zur Aufhebung der Bürgerlichkeit, ja der politischen Sphäre schlechthin bestimmt sei. Die Eindimensionalität des frühen Republikanismus ersetzte man so bloß durch eine alternative Eindimensionalität.

Tatsächlich folgten sogar beide großen Strömungen des Sozialismus der produktivistischen Verengung. Sowohl Marxismus als auch Anarchismus – zuweilen als »feindliche Brüder« bezeichnet –, 11 begegneten der sphärischen Öffnung durch den Liberalismus mit einer sphärischen Schließung. Wenngleich sie diese auch recht unterschiedlich ausdeuteten. So postulierte schon das Kommunistische Manifest, Kommunistisches Manifest
Etwas, das sich selbst zu Tode erschreckt hat
dass mit der Neuordnung der Produktionsverhältnisse durch den revolutionären Staat auch die öffentliche Gewalt – also eben jener Staat, den das »organisierte Proletariat« erobert habe – ihren politischen Charakter verlieren würde. 12 Dieser Glaube förderte in den verschiedenen Spielarten der marxistischen Politik eine naive, mitunter verantwortungslose Denkart, die sich wenig um Probleme der Gewaltenteilung und Machtkonzentration kümmerte. 13 Die Geschichte auf der eigenen Seite meinend, war der Marxismus tatsächlich häufig sehr rechtfertigungsfaul in der Frage, wie zwischen pluralen Weltsichten zu vermitteln und politische Widersprüche zu verhandeln seien: Probleme, die doch selbst in einer »klassenlosen« Gesellschaft bestehen dürften. 14 Entsprechend dürftig, um nicht zu sagen vulgär war denn auch das Niveau seiner Revolutionstheorie. 15 Denn im Grunde erschöpfte sie sich, wie Karl Korsch Karl Korsch
Jemand, der das Positive im Sozialismus vermisste
treffend feststellte, darin, die »negative« Seite des Sozialismus zu behandeln: den abzuschaffenden Kapitalismus. 16 Was ja doch recht simpel ist.

Insofern hatte die Prämisse, alles Bürgerliche sei aufzuheben, ja würde ohnehin aufgehoben, der marxistischen Revolutionstheorie den Boden entzogen. Denn zusammen mit dem Glauben an die zweite, proletarische Revolution war unter Marxisten eine quasi-religiöse Disposition gegeben. Mit ihr wurde die Frage zweitrangig, auf welchen Vermittlungsformen der Sozialismus überhaupt aufbauen kann. 17 Welche Organisationsformen welche Institutionen und welche Institutionen welche Ordnung hervorbringen, das waren Leerstellen im wissenschaftlichen Sozialismus, Wissenschaftlicher Sozialismus
Ein Begriff, den man so nicht stehen lassen kann
der sich häufig vorwissenschaftlich verhielt. 18 So machte das Vakuum an evidenzbasierten Transformationsdebatten denn auch blind dafür, dass die eigene Praxis den sozialistischen Zweck verfehlt. Den reformistischen Marxismus führte dies zur Integration in die herrschende Ordnung, 19 den revolutionären Marxismus zu ihrer Überformung: 20 Ersterer strebte die Eroberung der politischen Macht auf demokratischem Wege an, um die Befreiung der Arbeit zu organisieren – versandete aber in den Institutionen des Parlamentarismus. 21 Letzterer hingegen setzte auf die unmittelbare Machteroberung, um jene Befreiung zu dekretieren. Tatsächlich aber schuf er eine neue Klassengesellschaft mit absolutistischen Zügen, 22 als er die politische und die ökonomische Sphäre wieder in Eins setzte – unter Ausschluss der Demokratie. Die Versprechen der Französischen Revolution, sie wurden in diesem »Staatskapitalismus« komplett kassiert. 23

»Hatte der frühe Anarchismus noch eine alternative Staatlichkeit im Sinn, entwickelte er im Streit um die Erste Internationale, also in Abgrenzung zum Marxismus, einen zunehmend anti-staatlichen und anti-autoritären Glauben, der seiner Revolutionstheorie den Boden entzog.«

Der Anarchismus hingegen erkannte sowohl das Problem der Ordnungsintegration als auch das der Ordnungsfiguration: Ohne alternative Institutionen lässt sich ebenso wenig ein Funktionswandel im Ordnungsgefüge bewirken wie sich mit autoritären Organisationsformen eine freie Gesellschaft figurieren lässt. Das anarchistische Wirken war daher stets darauf ausgerichtet, eigene Vermittlungsformen zu schaffen, mit denen sich die Lücke zwischen Gegenwart und Zukunft schließen lassen könnte. 24 Gemäß der »Embryo-Theorie« sollte so, etwa durch soziale beziehungsweise gewerkschaftliche Organisationen, »die neue Welt in der Schale der alten« aufgebaut werden. 25 Tatsächlich vermied man mit dieser präfigurativen Politik Präfigurative Politik
Ein Ansatz, der ohne Gegengewicht zum Selbstzweck wird
– einer Art Sozialismus »von unten« – das sozialdemokratische Schicksal, die herrschende Ordnung zu co-reproduzieren. 26 Und ebenso schufen Anarchisten keine Tyranneien, die sie dem Marxismus mit seinem rustikalen Revolutionsverständnis – also einer sozialen Transformation durch politisch dirigierte Umverteilung – stets vorhergesagt hatten. Dafür liefen sie aber in andere Probleme, die ihren Sozialismus historisch scheitern ließen. Hatte der frühe Anarchismus nämlich durchaus noch eine alternative Staatlichkeit im Sinn, 27 entwickelte er im Streit um die Erste Internationale, also in Abgrenzung zum Marxismus, einen zunehmend anti-staatlichen und anti-autoritären Glauben, der seiner Revolutionstheorie ebenfalls den Boden entzog. 28

Zwar setzte der Anarchismus der marxistischen Heilserwartung aktive Keimformpraxen entgegen. Doch ähnlich dem Marxismus, der eine Sprengung der »kapitalistischen Hülle« erwartete, 29 stellte man sich die alte Welt als abzustoßende Schale vor. In der vulgärsten Auslegung entstand daraus eine Institutionenfeindlichkeit, die in allen vertikalen Elementen der Organisierung gleich die Reproduktion von Herrschaft sah. 30 Diesem Teil des Anarchismus blieben fast nur militante Aktionen, um einen spontanen Aufstand zu provozieren. Praktisch hatte dieser Insurrektionalismus Insurrektionalismus
Eine Strömung, die Tohuwabohu mit Aufstand verwechselte
den Massen nichts zu bieten; er verlor sich denn auch in individueller Gewalt. 31 Der Massenanarchismus fand daher vor allem im Syndikalismus Ausdruck, der mit seinen Gewerkschaften und halbwegs straffen Strukturen große Teile der Arbeiterschaft mobilisieren konnte. 32 Jedoch hatte auch er das republikanische Erbe der frühen Arbeiterbewegung wenn nicht vergessen, so aber doch schlecht gewendet. Denn auch er war der produktivistischen Verengung verfallen: Die republikanischen Prinzipien sollten nämlich nur im Wirtschaftlichen gelten; der bürgerliche Staat sei hingegen aufzuheben. Aller Aufbauarbeit zum Trotz, der Übergang zu einer neuen Gesellschaft blieb so nur als radikaler Ordnungsbruch denkbar: als Revolution. 33 Und da zogen die Massenanarchisten stets den Kürzeren gegen Kräfte, die autoritärer organisiert waren – ob nun der Staat oder die politische Konkurrenz. 34