Kapitel 1 bis 9 jetzt online!
IX.

Eine diagonale Ordnung

Multiple Repräsentationen als konkrete Utopie
← Kapitel abspielen

Organisationen bilden stets eigene Wissensordnungen heraus. Welche Standpunkte den Ton angeben, das hängt von ihrer sozialen Zusammensetzung ab. Aber auch von ihrer Struktur und Kultur, die nach außen und innen als soziale Filter Soziale Filter
Ein Mechanismus, der uns unbewusst an unseren Platz leitet
wirken. 1 Sie bedingen, was für Typen mitmachen und was für Sichtweisen sich durchsetzen. 2 In linken Gruppen sehen wir dabei dasselbe Problem wie in Parteien oder Parlamenten wirken: dass Charaktere die Politik prägen, die sich stromlinienförmig zum Organismus verhalten – und von den Lebenswirklichkeiten der Massen wenig wissen. 3 Die Zusammensetzung einer sozialen, politischen oder staatlichen Organisation – und vor allem ihrer Entscheidungsstrukturen – ist stets Ausdruck und Quell ihrer Wissensordnung zugleich. 4 Denn der Organismus verdichtet vorwiegend solche Menschen, deren materielle und kulturelle Anlagen mit seiner Funktionslogik kompatibel sind. Dass diese die Struktur und Kultur ihrer Organisation eher wenig hinterfragen, ist ein zentraler Mechanismus von Pfadabhängigkeiten. 5 Um aus ihnen auszubrechen, wären Stimmen nötig, die gegen den Strich der Funktionslogik denken – und die genau deswegen nicht zur Geltung kommen. Durch die Ungleichheit der Lebenswelten sind der Demokratie eben Asymmetrien eingebaut, vor denen auch zivilgesellschaftliche Gruppen nicht frei sind. 6 Auch nicht die, die der Basisdemokratie anhängen, weil sie mehr Gleichheit verspricht.

»Die linke Utopie einer ultra-horizontalen Ordnung ist tatsächlich eine Dystopie. Denn je mehr und direkter die Bürger die Dinge unter sich verhandeln und verwalten müssen, desto mehr würde Politik eine Frage alltäglicher Mobilisierung.«

Im Gegenteil: Umso partizipativer eine Struktur ist, desto mehr dominieren die, die sich Partizipation leisten können. 7 Und damit eine bestimmte Kultur, die einschließend auf wenige, aber ausschließend auf viele wirkt. 8 Die Basisdemokratie, sie macht die Rechnung ohne die Realität. Obwohl sie, ganz intuitiv, auf Inklusion abzielt, verstärkt sie die Exklusivität noch. 9 Nicht nur deswegen muss man sich, ganz kontraintuitiv, fragen, ob dieses Mehr an Demokratie nicht doch ein Weniger ist. Während in repräsentativen Strukturen die Basis symmetrisch zumindest in dem Sinne ist, dass alle das gleiche Stimmgewicht haben, wird sie im Horizontalismus von Grund auf gespalten. 10 Hier hängt ja das Stimmgewicht vom Einsatz ab: Wer mehr teilnimmt und abstimmt, hat hier sogar ganz formal mehr Einfluss. 11 Die linke Utopie Utopie
Ein Konzept, aus dem nur diagonal gedacht ein Schuh wird
einer ultra-horizontalen Ordnung ist tatsächlich eine Dystopie. 12 Zwar mögen entsprechende Strukturen in kleineren Kontexten funktional sein, 13 doch betrachten wir sie in der sozialen Breite – durch die präfigurative Brille –, wird es betrüblich. Denn je mehr und direkter die Bürger die Dinge unter sich verhandeln und verwalten müssen, desto mehr würde Politik eine Frage alltäglicher Mobilisierung. 14 Wer nämlich dasselbe Stimmgewicht wie andere Mitbürger will, der müsste an allerlei Basisformaten teilnehmen, die das linksutopische Plenumsland durchziehen. 15 Wer sich das nicht antun will, der hat gar kein Gewicht. 16 Es wäre eine Herrschaft der Bewegtesten. 17

Der Horizontalismus verkennt, dass repräsentative Politik eine inklusive und, ja, auch egalitäre Funktion hat. Sie setzt die Bürger in formale Stimmgleichheit, ermöglicht eine niedrigschwellige Teilnahme und bildet die Meinung vieler ab. 18 Partizipation ist da nicht Drohung, sondern Möglichkeit. Es gibt eben auch ein Recht auf Repräsentation. Denn es liegt nichts Emanzipiertes darin, sich ständig mit Hinz und Kunz über Probleme austauschen zu müssen, wo man lieber Spezialisten in der Verantwortung sehen möchte. 19 Gerade ja auch, weil man die Gesellschaft und sich selbst von deren Expertise profitieren sehen möchte. Insofern ist Repräsentation nicht nur etwas, das Freiheit und Fortschritt ermöglicht, sondern auch Ausdruck von Selbstbestimmung und Aufklärung. 20 Die Demokratie befindet sich daher stets in einem inneren Konflikt: zwischen dem Verlangen nach Partizipation und dem nach Prosperität. 21 Beides kann es nicht in vollem Maße geben. Denn in einer horizontalen Ordnung, die auf Hierarchien und Bürokratien, also eine vertikale Ausdifferenzierung, weitestgehend verzichtet, waltet nicht nur die von Jo Freeman Jo Freeman
Jemand, der von den Antiautoritären auf den Kopf gestellt wurde
festgestellte »Tyrannei der Strukturlosigkeit«. 22 Es herrscht dort eben auch das geistige Mittelmaß. 23 Und tatsächlich rechtfertigt die repräsentative Demokratie ihre Semi-Vertikalität – also demokratisch kontrollierte Hierarchien – ja damit, dass Prozesse der Entscheidungsfindung in der Masse nur grob, wenn nicht gar destruktiv sein können. 24

Die Probleme einer modernen Gesellschaft sind schlichtweg zu diffizil, die Antworten zu folgenreich, ihre Aushandlung zu konfliktbehaftet, als dass man auf Zentrierungen von Verantwortung verzichten könne. 25 Insofern vermittelt die repräsentative Demokratie zwischen Partizipation und Prosperität, wobei sie den allgemeinen Willen durch ein gewähltes Spezialistentum zu verfeinern sucht. 26 Ohne solche vertikalen Elemente lässt sich nicht die epistemische Leistungsfähigkeit entwickeln, die ein rationales Problemmanagement erfordert. 27 Gerade die Kakistokratie Kakistokratie
Ein Begriff, der nicht ernst genug genommen wird
der linken Szene lehrt uns doch, dass repräsentative Strukturen und deren Professionalisierung unbedingt nötig sind, wenn eine Integration breiter Kreise gelingen und größere Zusammenhänge überhaupt funktionieren sollen. 28 Freilich bringt dies natürlich Probleme der Machtreproduktion mit sich, die als Innovationsbremsen wirken. 29 Zwar gibt es, wie antike Demokratien Antike Demokratie
Ein Begriff, der von weit zurück nach vorne zeigt
zeigen, im Feintuning des Repräsentationssystems noch Potentiale der Innovation. 30 Doch grundsätzlich sind jene Probleme weder durch eine Horizontalisierung der Demokratie (also ihre anti-autoritäre Aufhebung) noch durch eine Vertikalisierung (also ihre autoritäre Aufhebung) zu beheben. 31 Einen Ausweg aus diesem Dilemma bietet die sozialrepublikanische Perspektive. Denn mit dem Aufbau von multiplen Repräsentationssystemen im Sozialen steht sie für eine Diagonalisierung von Demokratie. 32

Mit der Vervielfältigung von Repräsentation könnte der demokratischen Souveränität neues Leben eingehaucht werden. Denn die fortschreitende Parzellierung der Gesellschaft macht Verantwortlichkeit in Entscheidungsprozessen zunehmend unsichtbar. 33 Die Ergebnisse treten uns dann im Gewand von nicht-verhandelbaren Sachzwängen entgegen. 34 Auch und gerade in den sozialen Sphären. Außerhalb des demokratischen Zugriffs liegend, erscheinen die Manifestationen der dortigen Machtverhältnisse ja schon fast als Naturgewalt. Man denke etwa an die deregulierten Finanzmärkte, die die fragile Hülle der Demokratie zur Postdemokratie mit herunterdampfen. 35 Begegnen ließe sich dieser »Refeudalisierung« durch eine politische Perspektive, die auf eine »gesellschaftliche Gesamtverfassung« abzielt. 36 Die damit verbundene Konstitutionalisierung des Sozialen müsste allerdings von sozialen Interessenorganisationen getragen werden. Von Arbeiter-, Mieter-, Verbraucher- und Vorsorgerorganisationen, die jene demokratische Öffentlichkeit im Sozialen organisieren, die Axel Honneth Axel Honneth
Jemand, der den sozialistischen Mief vertreiben will
als Bedingung einer breiten Bürgerschaftlichkeit sieht. 37 Und sie könnte von der Demokratisierung des Sozialen begleitet werden: Wenn sich multiple Genossenschaften aus den Sphären als Komplex der sozialen Selbstverwaltung instituieren. 38 Derlei Elemente eines konstruktiven Sozialismus zu fördern, wäre notwendigerweise die Grundlage einer sozialrepublikanischen Politik.

»Eine sozialrepublikanische Politik könnte nicht nur den identitätspolitischen Lesarten von Feminismus und Anti-Rassismus eine universalistische Gleichstellungspraxis entgegensetzen. Sie könnte auch neue Formen der politischen Repräsentation schaffen.«

Eine solche Politik könnte nicht nur den identitätspolitischen Lesarten von Feminismus und Anti-Rassismus eine universalistische Gleichstellungspraxis Universalismus
Ein Begriff, der sich nicht dialektisch wenden lässt
entgegensetzen. 39 Sie könnte auch neue Formen der politischen Repräsentation schaffen. Denn die Sozialorganisationen aus den Sphären entwickeln ja ihr eigenes Spezialistentum – auf anderen Zusammensetzungen bauend, einem anderen Wissen folgend. So ließen sich etwa politische Funktionen und Listen gezielt mit Vertretern aus jenen Organisationen füllen – und so die Republik der sozialen Demokratien in einer repräsentativen Struktur vorwegnehmen. Solch eine politische Repräsentation von Sozialakteuren wäre eine Partei neuen Typs Partei neuen Typs
Ein Begriff, der Lenin aus dem Mund zu nehmen ist
– wenngleich im anti-leninschen Sinne. 40 Durch sie könnte die vom Kapitalismus verlassene Bürgerlichkeit ein sozialistisches Revival erfahren. 41 Denn die sozialen Bürgerschaften, die sie fördert, ließen sich letztlich gar zu Sozialparlamenten ausbauen, die das allgemeine Parlament und die Regierung ergänzen. 42 Ein solches Kammersystem hätte mehr PS. 43 Es könnte nicht nur eine neue Wissensordnung ermöglichen, sondern auch die Menschen in ein neues Verhältnis zu sich selbst setzen. Denn viele ihrer Probleme sind nicht einfach Interessen-, sondern Bedürfniskonflikte. Die ökologische Frage etwa bleibt so lange verknotet, wie unsere Bedürfnisse als Konsumenten nicht mit unseren Bedürfnissen als Produzenten verhandelt werden. 44 Eine Republik der sozialen Demokratien, sie könnte solche Verhandlungen organisieren.